Ach genau, der Sprechpuppe-Wulff Gegensprechpuppenkandidat (Notiz an mich selbst: weniger Polemik). Die Bundespräsidentenwahl hat er letztes Jahr jedenfalls verloren, aber publizistisch war er auch schon vorher präsent und jetzt wieder. Dem Spiegel verriet er seine Meinung über die "occupy wall street"-Bewegung: "
Unsäglich albern".
Eine von "den Märkten" losgebundene Welt sei eine "romantische Vorstellung". Aus seiner gelebten DDR-Lebenserfahrung schließt er, dass die "Bankeinlagen" nicht "sicherer" wären, wenn die "Politiker in der Finanzwirtschaft das Sagen hätten". Und die Protestbewegung werde mit Sicherheit auch bald abbeben.
Wo soll man da anfangen? Da steckt Wahrheit, Dummheit und Ignoranz im Detail.
Zunächst einmal sieht Gaucks Statement nach einer ehrlichen Meinung aus, anders als vielleicht die Äußerungen von Schäuble und Draghi, die sich eher als verständnisvolle Mitleidende der Finanzmarktkrise präsentieren. In der Tat ist auch die von den "Märkten" losgebundene Welt eine zum Teil romantische Vorstellung, was aber im Laufe der Geschichte einiges war - das Fliegen, ein einiges Deutschland und die europäische Union. Romantik hat frei nach Adorno als "auf dem Rücken liegen und träumen" mit Sicherheit für Pragmatiker wie Extreme jeglicher politischer Coleur etwas Negatives an sich; etwas Verträumtes und Weltfremdes, von dem sich überzeugte Revolutionäre ja per definition lossagen - sie sind ja überzeugt, dass sie sich eben nicht im weltfremden Handlungshorizont bewegen. Aber ein Kennzeichen jeglicher politischer Bewegung ist oder war ein romantisches Moment (dazu in einem späteren Post über die Sozialdemokratie und ihre Rolle für die Sozialwissenschaften mehr). Ohne Utopie (oder das, was man dafür hält) keine Veränderung, um es einmal zuzuspitzen.
Im Übrigen ist die "occupy wall street"-Bewegung vielleicht von außen betrachtet naiv, aber wohl kaum von ihrem Standpunkt aus: Die Protestierenden eint ja durchaus das knackige "We are the 99%!"-Statement, das einen ganz unromantisch-nüchternen Blick auf die Wirklichkeit umfasst: Die einst an einen höheren Lebensstandard und Sicherheit gewöhnten Mittelschichten im Westen verlieren - objektive und subjektiv -, während das oberste Prozent (in etwa) finanziell gewinnt und auch noch scheinbar den Ton angibt.
Deswegen geht es für die Demonstranten wohl kaum um "sichere Bankeinlagen", sondern um eine sozioökonomische Perspektive und vernünftige Politik. "Losbindung" irgendwelcher Märkte von der "Welt" legt Gauck den Demonstranten als inhaltsleere Sentenz in den Mund - losgebunden von der Welt scheinen die Märkte ja bereits in der ein oder anderen Weise zu sein. Und Politiker, die in der Finanzwelt "das Sagen haben", will wohl auch niemand; Gauck polemisiert damit nur gegen das vollkommen legitime Steuerungsinteresse einer staatlichen Gemeinschaft.
Dass die Protestbewegung bald wieder abebbt ist natürlich möglich - alles Andere auch.
Und warum sagt "ausgerechnet Joachim Gauck" (O-Ton Spiegel) so etwas? Der ehemalige rot-grüne Präsidentschaftskandidat? Weil er offensichtlich den "Realo"-Flügeln dieser beiden Parteien gefällt und von diesen und Anderen erfolgreich medial verkauft wurde. Gauck wurde kaum als sozialdemokratisches, kritisches Bewusstsein von der Kohl-Regierung der "Stasi-Behörde" vorgesetzt, er ist ein wirtschaftsliberaler, konservativer Kopf mit antidemokratischen Tendenzen. Und damit gefährlicher als Christian "Wir müssen mehr auf die Kinder hören" Wulff.